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Home - Betriebssysteme - Linux - Allgemeines - Torvalds-Autobiografie auf Deutsch



Torvalds-Autobiografie auf Deutsch

Die Biografie des weltbekannten Linux-Vater Torvald wurde nun vom Finnischen ins Deutsche übersetzt. Nun fällt es auch den Fans hierzulande ein wenig leichter die Hintergründe von Linus direkt zu erfahren. Ein sehr kurzer Einblick in das Buch...


Autor: Martin Puaschitz (onestone)
Datum: 23-01-2002, 19:10:53
Referenzen: http://www.it-infocenter.de/
http://futurezone.orf.at/
Schwierigkeit: none
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Einleitung

Unter dem Titel "Just for Fun oder Wie ein Freak die Computerwelt revolutionierte!" ist nun die Autobiografie von Linus Torvalds in Deutsch erschienen. Wer sich vom Inhalt überzeugen möchte kann dies weiter unten tun...(vom Hanser-Verlag selbst auf http://www.it-infocenter.de/linus/VorabKapitel.pdf herausgegeben). Wer sich nicht satt lesen kann, muss dann in den Buchladen marschieren um sich dort das 240 Seiten starke Buch zu kaufen.

Der Stil des Buches ist wohl ein ganz ein eigener. Teilweise entsteht das Gefühl eines Tagebucheintrages, dafür wirkt es umso authentischer. Torvalds wartet allerdings auch mit philosophischen Ansätzen auf - mehr möchte jetzt aber gar nicht verraten, hier die bisherige Online-Publikation:

Kapitel 4

2.Januar 1991.

Es ar der erste Tag,an dem die Geschäfte nach Weihnachten und meinem 21.Geburtstag ieder geöffnet hatten,jenen beiden lukrativsten Tagen in mei- nem Kalender. Mit meinem Weihnachts-und-Geburtstags-Geld in der Hand traf ich die giganti- sche Geschäftsentscheidung,einen Computer für 18.000 Finnmark zu kaufen. Das entsprach etwa 3.500 Dollar.Weil ich so viel Geld nicht hatte,wollte ich ein Drittel des Kaufpreises anzahlen und den Computer auf Kredit finanzieren.Ei- gentlich kostete der Computer nur 15.000 FM.Den Rest verschlangen die Kos- ten für den Kredit,den ich in den nächsten drei Jahren abstottern würde. Ich kaufte den Rechner in einem dieser kleinen Geschäfte um die Ecke,so einer Art Tante-Emma-Laden für Computer,nur dass es in diesem Fall eher ein Onkel- Egon-Laden ar.Die Marke war mir egal,und deshalb entschied ich mich für einen No-Name-Rechner in einem nichtssagenden hellen Gehäuse.Der Typ zeigte einem eine Preisliste,ein Smorgasbord,aus dem man sich die gewünschte CPU,den Speicherausbau,die Plattengröße us .heraussuchen konnte.Mir kam es auf Leistung an.Ich ollte 4 Megabyte RAM statt 2 Megabyte.Ich ollte 33 Megahertz.Klar,ich hätte mich mit 16 Megahertz zufrieden geben können,aber nein,ich wollte das Beste vom Besten. Man sagte dem Verkäufer,as man haben ollte,und er baute die Kiste zu- sammen.Heute,in der Ära von Internet und UPS-Versand klingt das kurios.Drei Tage später sollte alles fertig sein,aber diese drei Tage kamen mir vor ie eine Woche.Am 5.Januar spannte ich meinen Vater ein,mir beim Heimtransport zu helfen. Die Kiste ar nicht nur namen-,sondern auch gesichtslos.Sie ar einfach ein hellgrauer Kasten.Diesen Computer kaufte ich nicht wegen seines coolen Aussehens.Er war eine farblose Maschine mit einem 14-Zoll-Monitor,der billigste, einigermaßen handfeste Rechner,den ich finden konnte.Mit „handfest “meine ich einen leistungsstarken Computer,wie ihn nicht viele Leute besaßen.Ich ill damit nicht sagen,er hätte die unattraktive Funktionalität eines Volvo-Kombis besessen.Aber es ar mir einfach ichtig,etwas Zuverlässiges zu haben,in das ich die Upgrades,die ich unweigerlich brauchen würde,leicht einbauen konnte. Der Computer urde mit einer abgespeckten DOS-Version ausgeliefert.Ich bestellte die Unix-Variante Minix,die ich darauf installieren wollte,und wartete dann über einen Monat darauf,bis das Betriebssystem seinen Weg nach Finnland.2 fand.O ja,man konnte zwar das Buch über Minix in einem Computerladen kaufen,aber da das Betriebssystem selbst so wenig gefragt war,musste man es über den Buchhandel bestellen.Es kostete 169 Dollar plus Steuern plus Bankspe- sen plus alles-mögliche-andere.Ich fand (und finde!)den Preis unverschämt.Der verlorene Monat kam mir vor wie sechs Jahre.Ich ar noch frustrierter als in all den Monaten,in denen ich darauf wartete,meinen PC kaufen zu können. Und das mitten im tiefsten Winter.Jedes Mal,wenn du dich aus der Wohnung hinaus ins feindliche Leben agtest,bestand die Gefahr,von irgendeiner alten Dame in den Schnee gefegt zu werden,die besser zu Hause geblieben wäre,um Kohlsuppe für ihre Familie zu kochen oder Hockey im Fernsehen anzuschauen und Pullover zu stricken,statt die Mannerheimintie entlang zu wanken. Ich habe den Monat im Wesentlichen damit zugebracht,Prinz von Persien auf meinem neuen Computer zu spielen.In der übrigen Zeit las ich Bücher,um mich in meine Neuerwerbung einzuarbeiten. Endlich,an einem Freitagnachmittag,kam Minix an,und ich installierte es noch am selben Abend.Dazu musste man den Computer mit sechzehn Floppydisks füttern.Das ganze Wochenende über war ich damit beschäftigt,mich an das neue System zu gewöhnen.Ich lernte die Vorzüge des Betriebssystems kennen. Und,ichtiger noch,seine Nachteile.Ich versuchte,die Schwachpunkte aus- zugleichen,indem ich Programme vom Uni-Computer herunterlud,an die ich mich gewöhnt hatte.Insgesamt brauchte ich einen Monat oder länger,um mir das System zu eigen zu machen. Andrew Tanenbaum,der Amsterdamer Professor,der Minix geschrieben hatte, wollte das Betriebssystem als Lernhilfe einsetzen.Deshalb urden Teile seiner Funktionalität absichtlich verstümmelt,und die Folgen aren verheerend.Es gab Patches für Minix – Verbesserungen –,unter anderem den eines australischen Hackers namens Bruce Evans,dem Gott von Minix 386.Dank seiner Verbesserungen ließ sich Minix leichter auf einem 386er einsetzen.Schon bevor ich den Computer kaufte,verfolgte ich die Minix-Newsgroups im Netz und wusste deshalb von Anfang an,dass ich diese verbesserte Version nutzen wollte. Aber egen der Lizenzsituation musste man die Original-Minix-Version kaufen und dann in mühseliger Kleinarbeit Evans Ausbesserungen bootstrappen.Das war ein ziemlicher Aufwand. Minix hatte eine Reihe von Eigenschaften,die mich enttäuschten.Der größte Frust aber ar die Terminal-Emulation.Sie ar ichtig,weil ich damit den Uni- Computer auf meinem Heimcomputer imitieren ollte.Ich setzte die Terminal- Emulation ein,um mich in den Uni-Computer einzuloggen und auf dem mächti- gen Unix-Rechner zu arbeiten oder einfach online zu gehen. Deshalb entschloss ich mich,mir selbst ein Terminal-Emulationsprogramm zu schreiben.Ich ollte das Projekt nicht unter Minix durchführen,sondern auf der nackten Hardwareebene.Das Terminal-Emulationsprojekt würde mir darüber.3 hinaus eine großartige Gelegenheit bieten,mich mit der Arbeitsweise der Hard- ware des 386er vertraut zu machen.Wie gesagt,es war Winter in Helsinki.Ich hatte einen handfesten Computer.Ich sah das Projekt einfach als Möglichkeit,die Leistungsfähigkeit der Kiste kennen zu lernen und meinen Spaß zu haben. Weil ich auf der nackten Hardware programmierte,musste ich vom BIOS ausge- hen,dem ROM-Code,in den der Computer bootet.Es liest die Floppydisk oder die Festplatte.Bei mir war es eine Floppydisk.Es liest den ersten Sektor der Flop- py und verzweigt dorthin.Weil ich noch nie vorher auf einem PC gearbeitet hatte,musste ich mir diesen Ablauf erst klarmachen.Der 386er startet im so genannten Real Mode .Aber um die CPU voll auszunutzen und in den 32-Bit- Modus zu gelangen,musst du in den Protected Mode kommen.Dazu ist ein komplizierter Setup erforderlich. Um ein Terminal-Emulationsprogramm zu schreiben,muss man issen,ie die CPU arbeitet.Tatsächlich hatte ich mich auch deshalb für die Assemblersprache entschieden,um mehr über die CPU zu lernen.Ansonsten muss man noch is- sen,ie man auf den Bildschirm ausgibt,wie man Tastatureingaben liest und wie man lesend und schreibend auf das Modem zugreift.Hoffentlich vergraule ich hier nicht endgültig die Nicht-Geeks,die bisher tapfer durchgehalten haben statt gleich auf Seite 142 weiterzulesen. Ich ollte zwei voneinander unabhängige Threads verwenden.Der eine Thread oder Kontrollfaden sollte vom Modem lesen und das Gelesene auf dem Bild- schirm ausgeben.Der andere Thread sollte von der Tastatur lesen und auf das Modem schreiben.Und es sollte zwei Pipes geben,für jede der beiden Richtun- gen eine.Das heißt Taskwechsel,und ein 386er hatte die Hardware,um dieses Konzept zu unterstützen.Ich fand die Idee cool. Mein erstes Testprogramm war so geschrieben,dass es einen Thread nutzte,um den Buchstaben A auf den Bildschirm zu schreiben.Der andere Thread schrieb den Buchstaben B.Ich eiß,das klingt nicht eben beeindruckend.Das Ganze war so programmiert,dass es mehrmals pro Sekunde passierte.Mit dem Timerinter- rupt sorgte ich dafür,dass der Bildschirm sich mit AAAAAAA füllte.Urplötzlich schaltete er dann auf BBBBBBB um.Diese Übung hat nicht den geringsten prak- tischen Nutzen.Aber mir bot sie eine gute Möglichkeit,mir die Funktionsfähig- keit meines Taskwechsels zu beweisen.Ich brauchte dafür etwa einen Monat, weil ich mich erst in das ganze Drumherum einarbeiten musste. Schließlich war ich dann soweit,die beiden Threads,AAAAAAAA und BBBBBBB,dahin zu bringen,dass einer vom Modem las und auf den Bildschirm schrieb und der andere von der Tastatur las und auf das Modem schrieb.Ich hatte mein eigenes Terminal-Emulationsprogramm entwickelt. Um Nachrichten zu lesen,führte ich mein Programm aus,legte meine Floppydisk ein,bootete die Kiste neu und konnte Nachrichten vom Uni-Computer lesen..4 Um Änderungen vorzunehmen und das Terminal-Emulationspaket zu verbes- sern,bootete ich Minix und nutzte es als Programmierumgebung. Ich war sehr stolz darauf. Sara kannte mein persönliches Meisterstück.Ich führte es ihr vor,sie schaute sich die Bildschirme mit den AAAAAAAs und BBBBBBBs ungefährt fünf Sekunden lang an,sagte „Gut “und ging aus dem Zimmer,vollkommen unbeeindruckt. Mir wurde klar,dass die Sache nach nichts aussah.Es ist völlig unmöglich,einem anderen Menschen zu erklären,dass etwas,das nach nichts aussieht,im Hinter- grund eine Menge leistet.Es ist ungefähr so beeindruckend,ie enn du jeman- dem eine frisch geteerte Straße zeigst.Wahrscheinlich war Lars,der andere schwedisch sprechende Informatikstudent,der im gleichen Jahr ie ich mit dem Studium begonnen hatte,der einzige Mensch,der meine Großtat zu würdigen wusste. Es ar März oder vielleicht April,und wenn der Schnee in der Petersgaten sich in Matsch verwandelt haben sollte,habe ich es eder gemerkt noch hat es mich sonderlich interessiert.Ich verbrachte meine Zeit hauptsächlich im Bademantel, über meinen unattraktiven neuen Computer gebeugt,hinter dichtgewebten schwarzen Vorhängen,die mich gegen die Sonne und vor allem gegen die Au- ßenwelt abschirmten.Ich kratzte die monatlichen Raten für meinen PC zusam- men,der in drei Jahren abgezahlt werden sollte.Damals wusste ich noch nicht, dass ich die Raten nur noch ein Jahr lang ürde aufbringen müssen.Da nämlich würde ich Linux geschrieben und sehr viel mehr Leuten als Sara und Lars wür- den es gesehen haben haben.Und Peter Anvin,der heute ie ich bei Transmeta arbeitet,würde eine Sammlung im Internet gestartet haben,um das Geld für meinen Computer aufzutreiben. Das ergab sich einfach so.Jeder usste,dass ich mit Linux kein Geld verdiente. Und plötzlich hieß es:Lass uns sammeln,um Linus ’ Computer abzubezahlen.. Es war überwältigend. Ich hatte absolut kein Geld.Es ar mir immer ichtig gewesen,nicht um Geld zu bitten oder zu betteln,aber dass ich es einfach so bekam,ar ...Es schnürt mir die Kehle zu. So urde Linus geboren.Mit meinen Testprogrammen,die sich zu einem Ter- minal-Emulationspaket entwickelten..5 V. Die Schönheit des rogrammierens Ich eiß nicht,ie ich erklären soll,was mich am Programmieren so fasziniert, aber ich erde es versuchen.Für jemanden,der programmiert,ist es das Interes- santeste auf der Welt.Es ist ein Spiel,das dich viel mehr fesselt als Schach,bei dem du deine eigenen Regeln aufstellen kannst und bei dem am Ende das he- rauskommt,was du daraus machst. Und trotzdem sieht es nach außen hin wie die langweiligste Sache der Welt aus. Ein Aspekt des anfänglichen Reizes ist schnell erklärt:Er ergibt sich ganz einfach aus der Tatsache,dass der Computer das tut,was du ihm sagst.Unbeirrbar.Für immer.Ohne ein Wort der Klage. Und schon das ist interessant. Aber blinder Gehorsam allein,so faszinierend er zunächst auch sein mag,ist auf Dauer nicht besonders reizvoll.Deshalb wird einem dieser Aspekt auch ziemlich schnell ziemlich langweilig.Das wirklich Fesselnde am Programmieren ist die Tatsache,dass du den Computer dazu bringen kannst,zu tun,as du willst,aber du musst herausfinden,wie . Ich persönlich bin überzeugt davon,dass Informatik und Physik viel gemeinsam haben.Beide beschäftigen sich damit,as die Welt im Innersten zusammen hält. Der Unterschied liegt natürlich darin,dass du in der Physik herausfinden sollst, nach elchen Gesetzen die Welt funktioniert,während du in der Informatik die Welt erschaffst .Innerhalb der Grenzen deines Computers bis du der Schöpfer. Irgendwann bist du so eit,dass du das Geschehen komplett unter Kontrolle hast.Wenn du gut genug bist,kannst du Gott sein.Jedenfalls in einem beschei- denen Rahmen. Wahrscheinlich bin ich mit dieser Aussage gerade ungefähr der Hälfte der Erdbe- völkerung zu nahe getreten. Das ändert nichts an ihrem Wahrheitsgehalt.Du kannst dir deine eigene Welt erschaffen,und die einzigen Faktoren,die dich in deinen Möglichkeiten ein- schränken,sind die Fähigkeiten der Kiste und,mehr als je zuvor,dein eigenes Können. Stellen Sie sich ein Baumhaus vor.Sie können ein Baumhaus bauen,das funktio- nal und stabil ist und eine Klapptür hat.Aber jeder erkennt den Unterschied.6 zwischen einem Baumhaus,das einfach solide gebaut ist,und einem Baumhaus, das schön ist und die Besonderheit des Baumes kreativ zu nutzen versteht.Es ist eine Frage der geschickten Kombination von Kunst und Technik.Das ist einer der Gründe,der das Programmieren so fesselnd und lohnenswert erscheinen lässt.Die Funktionalität ist oft zweitrangig;viel ichtiger ist es,etwas Interessan- tes,Schönes oder Schockierendes zuwege zu bringen. Programmieren ist eine Übung in Kreativität. Ich bin überhaupt erst zum Programmieren gekommen,weil ich herausfinden wollte,ie der Computer arbeitet.Zu meiner größten Freude entdeckte ich,dass es sich mit Computern verhält wie mit der Mathematik:Du kannst dir deine eigene Welt mit ihren eigenen Regeln aufbauen.In der Physik irst du von vor- handenen Regeln eingeschränkt.Aber in der Mathematik und beim Programmie- ren ist alles möglich,solange es in sich konsistent ist.Die Mathematik braucht sich keiner Beschränkung durch eine äußere Logik zu unterwerfen,aber sie muss in sich selbst und aus sich selbst heraus logisch sein.Wie jeder Mathematiker weiß,kann man eine Menge mathematischer Gleichungen aufstellen,bei denen drei plus drei gleich zwei ist.Man kann alles tun,as man ill,aber je mehr Komplexität man hinzufügt,desto sorgfältiger muss man darauf achten,Inkon- sistenzen mit der geschaffenen Welt zu vermeiden.Wenn das Geschaffene schön sein soll,darf es keine Fehler enthalten.Das ist das Wesen des Programmierens. Die Leute sind von Computern unter anderem deshalb so begeistert,eil sie mit ihrer Hilfe mit den geschaffenen neuen Welten experimentieren und ihre Mög- lichkeiten erkunden können.In der Mathematik kannst du dich in mentalen Gymnastikübungen des Möglichen ergehen.Die meisten Leute verstehen unter Geometrie zum Beispiel euklidische Geometrie.Erst der Computer hat es ihnen ermöglicht,sich andere Geometrien bildlich vorzustellen,die nicht im geringsten euklidisch sind.Mit Computern kannst du sehen,ie diese erfundenen Welten aussehen.Erinnern Sie sich an Mandelbrot-Mengen – die fraktalen Bilder auf der Basis von Benoit Mandelbrots Gleichungen?Sie sind visuelle Repräsentationen einer rein mathematischen Welt,die ohne die Hilfe eines Computers nicht bild- lich darstellbar äre.Mandelbrot erfand einfach beliebige Regeln über eine Welt, die es nicht gibt und die für die Realität keine Bedeutung hat,aber dann stellte sich heraus,dass seine Regeln faszinierende Muster erzeugten.Mit Computern und Programmierung kannst du neue Welten entwickeln,und manchmal entste- hen dabei wunderschöne Muster. Meistens tust du das aber nicht.Du schreibst einfach ein Programm,das eine bestimmte Aufgabe erledigt.In diesem Fall erschaffst du keine neue Welt,son- dern löst ein Problem innerhalb der Welt des Computers.Das Problem wird gelöst,indem man darüber nachdenkt.Dazu braucht es eine bestimmte Art von Mensch – einen Menschen,dem es nichts ausmacht,einfach so dazusitzen,auf.7 einen Bildschirm zu starren und den Dingen auf den Grund zu gehen.Dazu braucht es einen freakigen Geek wie mich. Das Betriebssystem ist die Basis für alles andere,was in der Kiste passiert.Und ein Betriebssystem zu entwickeln,ist die ultimative Herausforderung. Wenn du ein Betriebssystem entwickelst,entwickelst du die Welt,in der alle Programme,die auf dem Computer laufen,leben – du stellst also im Prinzip die Regeln auf,as akzeptabel ist und was getan werden darf und was nicht.Im Prinzip machst du das zwar bei jedem Programm,aber das Betriebssystem ist einfach das grundlegendste aller Programme.Es ist,als ürdest du die Verfas- sung für ein Land schreiben,das du gerade erfindest – alle anderen Programme sind im Vergleich dazu nur gewöhnliche Gesetze. Manchmal ergeben die Gesetze keinen Sinn.Dann setzst du alles daran,sie mit Sinn zu erfüllen.Du willst dir die Lösung ansehen können und erkennen,dass du auf die richtige Weise die richtigen Antworten gefunden hast. Erinnern Sie sich noch an die Mitschüler,die immer die richtige Antwort wuss- ten?Sie kamen viel schneller darauf als alle anderen,und sie mussten sich dafür noch nicht einmal anstrengen.Sie machten sich nicht die Mühe,den vorgeschrie- benen Lösungsweg einzuhalten.Stattdessen betrachteten sie das Problem auf die richtige Weise.Und wenn Sie ihre Antwort hörten,wussten Sie sofort:Das ist es. Bei Computern ist es genauso.Sie können etwas mit der Brute-Force-Methode lösen,der dummen Schufte-dich-solange-mit-dem-Problem-ab-bis-es-keines- mehr-ist-Methode.Oder Sie können den richtigen Ansatz finden,und plötzlich löst sich das Problem einfach in Luft auf.Es gibt da dieses seltsame Phänomen: Sie erkennen,dass ein Problem nur deshalb ein Problem war,eil Sie es die gan- ze Zeit über aus der falschen Perspektive betrachtet haben. Das wahrscheinlich beste Beispiel dafür stammt nicht aus der Informatik,sondern aus der Mathematik.Als ein großer Mathematiker des 17.Jahrhunderts noch zur Schule ging,ließ ein überdrüssiger Lehrer angeblich die Schüler alle Zahlen zwi- schen 1 und 100 addieren – sozusagen als Beschäftigungstherapie,in der Mei- nung,die jungen Leute ürden den ganzen Tag dafür brauchen.Unser aufstre- bender Mathematiker aber hatte die korrekte Antwort innerhalb von fünf Minu- ten gefunden:5.050.Die Lösung liegt nämlich nicht darin,dass man irklich alle Zahlen addiert;das äre öde und stupide.Stattdessen entdeckte er,dass man durch Addieren von 1 und 100 101 erhält.Und 2 plus 99 ergibt ebenfalls 101. Genauso wie 3 plus 98.Und 50 plus 51.Es war eine Sache von Sekunden,aus- zurechnen,dass es 50 Paare gibt,die alle 101 ergeben.Die Antwort lautet damit: 5.050. Die Geschichte mag erfunden sein,aber ihre Aussage ist prägnant:Ein großer Mathematiker ählt nicht den umständlichen,langweiligen Weg.Stattdessen erkennt er das eigentliche Muster,das einer Frage zugrunde liegt,und nutzt es,.8 um einen viel besseren Lösungsweg einzuschlagen.Und genau so ist es auch in der Informatik.Klar,natürlich kann man ein Programm schreiben,das die Sum- me berechnet.Auf einem Computer von heute ist das eine Kleinigkeit.Aber ein wirklich guter Programmierer üsste die Antwort auch so,kraft seiner Intelli- genz.Er wüsste,ie man ein schönes Programm schreibt,das das Problem auf eine neue Weise löst,die sich am Ende als die richtige erweist. Es ist und bleibt schwer zu erklären,as so faszinierend daran sein soll,drei Tage lang mit dem Kopf gegen die Wand zu schlagen,eil man nicht eiß,ie man ein Problem auf schöne Weise lösen kann.Aber sobald du diese bessere Mög- lichkeit gefunden hast,ist es das tollste Gefühl auf der Welt..

Kapitel 8

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F rom: torvalds@klaava.Helsinki.Fi (Linus Benedict Tor-valds)
Newsgroups: comp.os.inix
Subject: Welche Eigenschaften würdest du am liebsten in Minix realisiert sehen?
Summary: Kleine Meinungsumfrage für mein neues Betriebssystem
Message-ID: <1991Aug25.205708.9541@klaava.Helsinki.Fi>

Hallo Ihr da draußen, ich arbeite an einem frei zugänglichen Betriebssystem (nur so als Hobby, wird nicht groß und professionell wie GNU sein) für 386er (486er) AT-Kompatible. Die Sache ist seit April am Köcheln und steht kurz vor der Fertigstellung. Ich hätte gern Feedback über die Dinge, die euch an Minix gefallen/nicht gefallen, da mein Betriebssystem gewisse Ähnlichkeiten dazu auf-weist (unter anderem gleiche physikalische Struktur des Dateisystems (aus praktischen Gründen)). Ich habe derzeit Bash (1.08) and gcc (1.40) portiert, und beides scheint zu funktionieren. Das heißt, dass ich in den nächsten Monaten etwas Einsetzbares haben werde, und ich wüsste gern, welche Features die Leute am liebsten hätten. Alle Vorschläge sind willkommen, aber ich verspreche nicht, dass ich sie implementie-ren werde :-) Linus (torvalds@kruuna.helsinki.fi) PS. Ja – es ist frei von Minix-Code und hat ein Mul-tithreading- Dateisystem. Es ist nicht portierbar (verwendet 386er Taskwechsel usw.) und wird wahr-scheinlich nie etwas anderes als AT-Festplatten un-terstützen, weil das alles ist, was ich zur Verfügung habe :-(.
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Die hartgesottensten Betriebssystementhusiasten in der Minix-Meute nahmen Witterung auf.Ich bekam nicht viele Vorschläge zu Minix-Eigenschaften,aber es gab eine Reihe anderer Anfragen.

>Erzähl uns mehr darüber. Braucht es eine MMU?
Antwort: Ja

>Wie viel davon ist in C geschrieben? Welche Schwie- rigkeiten werden bei der Portierung auftreten? Nie-.10 mand nimmt dir ab, dass es nicht portierbar sein wird ;-); ich jedenfalls würde es gerne auf meinen Amiga portieren.
Antwort: Es ist hauptsächlich in C programmiert, aber die meisten Leute würden das, was ich schreibe, nicht als C bezeichnen. Es verwendet jede denkbare Eigen-schaft des 386ers, die ich finden konnte, weil es mir auch dazu diente, mich in den 386er einzuarbeiten. Einige meiner „C“-Dateien enthalten fast so viel As-sembler wie C. Wie bereits gesagt, es verwendet eine MMU, sowohl für das Paging (noch nicht auf Platte) als auch für die Segmentierung. Es ist die Segmentierung, die es WIRKLICH abhängig macht vom 386er (jede Task hat ein 64 Megabyte-Segment für Code&Daten – max 64 Tasks in einem Adressraum von 4 Gigabyte. Wer mehr als 64Megabyte/Task braucht, wird es schwer haben).

Und ein paar Leute boten sich sogar als Betatester an. Letztendlich war es keine große Entscheidung für mich,es ins Internet zu stellen. Ich ar daran gewöhnt,Programme auf diesem Weg auszutauschen.Die einzige wirkliche Frage für mich war:Wann ist der Punkt erreicht,an dem ich es den Leuten mit einem gutem Gefühl zeigen kann?Oder genauer gesagt:Wann ist es gut genug,dass ich mich nicht dafür zu schämen brauche? Mein Ziel war es,einen Compiler und eine echte Umgebung zur Verfügung zu haben,so dass man Programme in Linux selbst erzeugen konnte,ohne Minix verwenden zu müssen.Aber als die Gnu-Shell lief,ar ich so stolz darauf,dass ich bereit ar,es der Welt zu präsentieren.Und außerdem wollte ich Feedback bekommen. Als die Shell funktionierte,hatte ich ein paar rudimentäre Binärdateien,die ich für das Betriebssystem kompiliert hatte.Man konnte eigentlich nichts damit anfan- gen,aber immerhin war erkennbar,dass es Unix ähnlich sah.Tatsächlich funkti- onierte es wie ein Unix mit beschnittenen Flügeln. Kurzerhand beschloss ich,es zugänglich zu machen.Ich ollte die Sache nicht an die große Glocke hängen.Stattdessen informierte ich einfach eine Hand voll Leute durch private E-Mails,insgesamt vielleicht fünf oder zehn Leute,dass ich es auf die ftp-Site geladen hatte.Ari Lemke,Bruce Evans,den Minix-Guru,und noch ein paar andere.Ich stellte den Linux-Quellcode und ein paar Binärdateien in das ftp-Verzeichnis,so dass man etwas starten konnte.Ich erklärte den Leuten, wie sie das Ding zum Laufen bringen konnten.Nach ie vor mussten sie Minix installiert haben – die 386er-Version –und sie brauchten den GCC-Compiler. Genauer gesagt,sie brauchten meine GCC-Version.Deshalb stellte ich auch den Compiler ins Netz. Für die Nummerierung von Freigabeversionen gibt es ein inoffizielles Protokoll. Es handelt sich um reine Psychologie.Wenn du denkst,dass eine Version irk-.11 lich freigabereif ist,gibst du ihr die Versionsnummer 1.0.Vorher aber wählst du eine Versionsnummer,aus der hervorgeht,ie viel Arbeit noch bis zu einer Ver- sion 1.0 zu leisten ist.Mit diesem Gedanken im Kopf gab ich dem Betriebssys- tem,das ich auf die ftp-Site stellte,die Versionsnummer 0.01.So wusste jeder, dass es weit davon entfernt war,fertig zu sein. Ja,ich weiß noch das Datum:17.September 1991. Ich glaube nicht,dass mehr als ein oder zwei Leute es sich jemals richtig anschau- ten.Dazu hätten sie sich die Mühe machen müssen,den speziellen Compiler zu installieren,eine neue Partition anzulegen,um sie zum Booten zu nutzen,und meinen Kernel zu kompilieren,um dann gerade mal die Shell ausführen zu kön- nen.Mehr war im Prinzip nicht möglich.Doch,man konnte den Quellcode aus- drucken,der sich auf bescheidene 10.000 Zeilen beschränkte – in einem kleinen Font ausgedruckt sind das weniger als 100 Seiten auf Papier.(Heute umfasst das Ganze etwas in der Größenordnung von 10 Millionen Zeilen.) Hauptsächlich verteilte ich das Betriebssystem,um zu demonstrieren,dass ich nicht bloß Wind gemacht,sondern irklich etwas Greifbares vorzuweisen hatte. Im Internet redet es sich leicht.Ob es um Betriebssysteme geht oder um Sex,viel zu viele Leute im Cyberspace bluffen nur.Wenn du herumerzählt hast,dass du ein Betriebssystem baust,ist es deshalb schön,sagen zu können:„Schaut,ich habe tatsächlich etwas geschafft.Ich habe nicht nur rumgetönt.Hier ist das Er- gebnis ...“ Ach ja,Ari Lemke,der dafür gesorgt hatte,dass es seinen Weg auf die ftp-Site fand,hasste den Namen Freax.Er bevorzugte Linux,meinen anderen Arbeitsna- men,und benannte mein Posting pubOS/Linux.Ich gebe zu,dass ich mich nicht groß dagegen zur Wehr setzte.Aber der Anstoß kam von ihm.Deshalb kann ich mit gutem oder jedenfalls einigermaßen gutem Gewissen sagen,dass der Name nicht meiner Eitelkeit entsprang.Aber ich dachte,okay,das ist ein guter Name, und ich kann seine Wahl notfalls immer jemand anderem in die Schuhe schieben, was ich hiermit tue. Wie gesagt,mein Betriebssystem war nicht sehr nützlich.Zum einen stürzte es sehr leicht ab,wenn der Speicherplatz knapp wurde oder enn man etwas Un- gewöhnliches versuchte.Und selbst bei ganz normalem Betrieb stürzte es ab, wenn man es über längere Zeit hinweg laufen ließ.Aber in diesem Stadium war es nicht dafür gedacht,dass man es ausführte.Es ar dazu gedacht,dass man es ansah.Und bewunderte. Ich ollte meine neue Errungenschaft also lediglich den paar Leute vorführen,die sich für die Entwicklung neuer Betriebssysteme interessierten.Ausgesprochenen Technikfreaks,die selbst unter Technikfreaks einen Spezialsonderfall darstellten..12 Ihre Reaktionen aren ausnahmslos positiv,wenn man Reaktionen ie „es äre schön,enn es auch das könnte “oder „es sieht cool aus,aber auf meinem Computer funktioniert es überhaupt nicht “ als positiv wertet.. Ich erinnere mich an eine E-Mail,in der mir jemand schrieb,dass ihm mein Be- triebssystem wirklich gefiel,und mindestens einen Absatz lang lobte,ie toll es war.Dann erklärte er mir,dass es seine Festplatte auffraß,und dass mein Platten- treiber irgendwie verrückt spielte.Seine gesamte Arbeit ar verloren gegangen, aber trotzdem äußerte er sich sehr positiv.Es machte Spaß,solche E-Mails zu lesen.Aber seine war eigentlich ein Fehlerbericht über etwas,das ihm alles kaputt gemacht hatte. Jedenfalls bekam ich genau die Art von Rückmeldungen,die ich wollte.Ich merz- te ein paar Fehler aus,zum Beispiel den,der zum Absturz führte,wenn der Spei- cherplatz zu Ende ging.Und ich unternahm den großen Schritt,den GCC- Compiler auf das Betriebssystem zu portieren,so dass ich kleine Programme direkt kompilieren konnte.Damit brauchten die Anwender nicht mehr meinen GCC-Compiler zu laden,bevor sie das Betriebssystem ausführten.



paedubucher
Professonial
Beitrag vom:
30-10-2006, 00:32:35

Ich habe mir das Buch gekauft

Und bereue es überhaupt nicht. Alles in allem sehr humorvoll geschrieben und durchaus interessant. Das Buch ist zwar recht kurz, dafür von der ersten bis zur letzten Seite interessant zu lesen. Kann ich nur empfehlen!

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